Fasten verbindet Christen und Muslime

Beim interreligiösen Walk am Aschermittwoch durch die Braunschweiger Innenstadt gehen Christen und Muslime gemeinsam und kommen ins Gespräch.

Nicht nur in Braunschweig war an Aschermittwoch die närrische Zeit vorbei - einen interreligiösen Spaziergang zu Beginn der Fastenzeit hingegen gab es wahrscheinlich nur in der Löwenstadt. „Ein Fastenwalk wie heute wurde noch nie unternommen“, sagt Oberbürgermeister Dr. Thorsten Kornblum bei der Begrüßung der zahlreichen Teilnehmerinnen und Teilnehmer im Foyer des Braunschweiger Rathauses.

Dabei betont er die gemeinsamen Wurzeln der abrahamitischen Buchreligionen, zu denen neben Christentum und Islam auch das Judentum zählt.

Anlass war der äußerst seltene zeitgleiche Beginn der 40-tägigen christlichen Passions- und Fastenzeit mit dem muslimischen Fastenmonat Ramadan in diesem Jahr. Katholische Kirche, der Rat der Muslime und die Ev.-luth. Propstei Braunschweig luden gemeinsam mit der Stadt Menschen mit oder ohne Konfession ein, den Weg gemeinsam zu gehen. Auch einige Hindus eines neuen Tempels in Braunschweig waren mit von der Partie.

„Die Einladung besteht, sich auf dem Weg auszutauschen: Über den Glauben, über das Leben in dieser Stadt“, betont Propst Martin Tenge. Dabei ist Fasten seiner Meinung nach nicht nur ein religiöses Thema, sondern auch gesellschaftlich angesagt. „Fasten eröffnet Räume und wir bewegen uns im Raum der Stadt“, so lädt Propst Lars Dedekind zum Dialog ein. Dem schloss sich auch Suat Durgut, Vorsitzender im Rat der Muslime, an und führte die Menschen interaktiv zum Fastenverständnis im Islam heran.

Vielleicht schweigt die Orgel oder spielt kein Halleluja, fehlen Osterkerze und Blumenschmuck, ist das Kreuz in katholischen Kirchen verhüllt, fasten Muslime tagsüber und treffen sich nach Sonnenuntergang zum Fastenbrechen - gemeinsam ist den Religionen auf jeden Fall, dass Fasten mehr bedeutet als der Verzicht auf Genuss.

„Die Fastenzeit lädt uns ein, das Leben zu vertiefen“, betont Gemeindereferentin Gabriele Engler bei der ersten Station in der katholischen Propsteikirche St. Aegidien. „Wir bereiten uns auf das Osterfest mit dem Leiden, Sterben und der Auferstehung Christi vor, indem wir uns selbst etwas vorenthalten“, ergänzt Pastoralreferent Nils Hoffmann. Dabei gehe es längst nicht mehr nur um den Verzicht auf Fleisch. „Für mich ist der Verzicht auf Kaffee wichtig, für andere vielleicht der Verzicht auf Süßigkeiten oder das Handy.“  Andere wollten, statt auf etwas zu verzichten, lieber etwas für andere tun.

In der Fatih Camii Moschee erfahren die Menschen, dass es im Islam beim Fasten neben dem Verzicht auch um Selbstdisziplin, Mitgefühl für die Armen und ums Teilen geht. So wird auch hier der Verzicht aufs Handy oder soziale Medien gerne gesehen. „Ich faste, weil ich an etwas glaube, dann fühlt es sich nicht so schwer an wie eine Diät, der das Göttliche fehlt“, findet Durgut.

Auch bei den Muslimen sind Alte, Kranke, Reisende und Schwangere vom Fasten ausgenommen, Kinder müssen generell nicht fasten. Bei Reisen oder kurzen Erkrankungen sollten Muslime die versäumten Fastentage jedoch nachholen, was die Katholiken nicht kennen.

„Viele Menschen gehen den Weg durch diese sieben Wochen mit, um sich selbst zu unterbrechen, um innezuhalten, langsamer, bewusster zu werden, vielleicht auch gesünder zu leben“, erläutert Dompredigerin Cornelia Götz bei der letzten Station im evangelischen Dom St. Blasii.  Sie betont: „Wir glauben, dass wir Gott recht sind, allein aus Gnade, nicht weil wir konsequent fasten, nicht weil wir konsequent beten.“

Immer intensiver kamen die Menschen im Laufe der mehrstündigen Veranstaltung ins Gespräch: „Ich bin gläubiger Christ und interessiere mich auch für andere. An dieser Stelle lernt man wieder neue Leute kennen“, sagt ein 78-Jähriger.  Larisa Tkachuk, Deutschlehrerin einer Sprachschule aus der Weststadt, ist mit ihren Sprachschülern gekommen: „Wir finden es wichtig, unseren Schülern, die aus vielen Kulturen stammen, zu zeigen, wie die Stadt lebt, aus welchen Religionen und Kulturen die Menschen in der Stadt kommen. Wir sind auf dem Weg der erfolgreichen Integration.“

„Wenn wir zusammenhalten und uns nicht darauf fokussieren, was verschieden ist, können wir ganz viel bewegen, deswegen ist es mir wichtig, heute hier dabei zu sein,“ unterstreicht Muslima Gülay Durgut (42).

 

Sabine Moser, Referentin für Presse- und Öffentlichkeitsarbeit